Was hat eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und dem Elternhaus mit „Inselhopping“ zu tun? Und wieso sollte Eisen am besten geschmiedet werden, wenn es kalt ist? Diesen – und vielen anderen Fragen – gingen die Teilnehmenden auf dem Junglehrkräftevertreterwochenende neben Berichten des Leitungsteams und einem gelungenen Austausch vom 25.04. – 26.04.2026 in Heilbronn nach. Unter der Leitung von Anke Ebner, Lehrerin an einer HWRS, Präventionsbeauftragte am ZSL, Lehrbeauftrage am Seminar Schwäbisch Gmünd, Beratungslehrerin sowie u.a. Lions Quest Trainerin, erlebten die Teilnehmenden eine sehr praxisorientierte Fortbildung zum Thema „schwierige Elterngespräche führen“.
Im Zentrum der Veranstaltung standen mehrere bewährte Konzepte der Kommunikationspsychologie, die helfen, die Dynamik von Elterngesprächen besser zu verstehen. So wurde das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun, das bekannte Vier-Seiten-Modell (auch Kommunikationsquadrat genannt) besprochen. Dabei wurde verdeutlicht, dass jede Nachricht vier Botschaften gleichzeitig enthält:
• Sachebene: Worüber ich informiere.
• Selbstkundgabe: Was ich von mir offenbare.
• Beziehungshinweis: Was ich von dir halte und wie wir zueinanderstehen.
• Appell: Wozu ich dich veranlassen möchte.
Die Teilnehmenden lernten, mit „vier Ohren“ zu hören und zu reflektieren, warum es in Elterngesprächen oft zu Missverständnissen kommt, insbesondere, wenn auf der Beziehungsebene Störungen vorliegen, die die Sachebene blockieren. In diesem Kontext sollte das „Eisen“, respektive die Beziehungsebene, zwischen Lehrkräften und Eltern bereits kalt, also vor konfliktbehafteten Gesprächen, „geschmiedet“ werden, damit beide Parteien konstruktiv auf dem „Sachebenenohr“ aufnahmefähig sind.
Ergänzend dazu wurde die Haltung nach Carl Rogers thematisiert. Eine gelingende Kommunikation setzt laut Rogers drei Grundvariablen voraus, die von Anke Ebner praxisnah vermittelt wurden:
• Empathie: Das einfühlsame Verstehen der Welt des Gegenübers.
• Wertschätzung/Akzeptanz: Eine vorurteilsfreie, positive Zuwendung gegenüber den Eltern.
• Kongruenz: Die Echtheit und Aufrichtigkeit des Pädagogen und der Pädagoginnen in der Gesprächssituation.
Anschließend brachen die Junglehrkräfte zum „Inselhopping“ auf, indem sie sich mit dem Inselmodell beschäftigten, das Anke Ebner als hilfreiches Werkzeug für die Deeskalation und das gegenseitige Verständnis vorstellte.
Das Modell verdeutlicht, dass jeder Mensch auf seiner eigenen „Insel“ lebt, geprägt durch individuelle Erfahrungen, Werte, Sorgen und Biografien. In der Kommunikation mit Eltern und Erziehungsberechtigten entstehen Konflikte oft dann, wenn wir versuchen, die andere Person mit Argumenten auf unsere „Insel“ zu ziehen oder deren Sichtweise von unserem Ufer aus bewerten.
Die Kernstrategien nach dem Inselmodell:
• Besuch auf der anderen Insel: Statt zu bewerten, begeben sich Lehrkräfte als „Besuchende“ auf die Insel der Eltern. Ziel ist es, deren Perspektive (z. B. Ängste um das Kind) zunächst wertfrei zu erkunden („Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Sicht…“).
• Brücken bauen: Erst wenn die Erziehungsberechtigten sich auf ihrer Insel verstanden fühlen (Empathie nach Rogers), ist es möglich, eine Brücke zu bauen, auf der Informationen der Sachebene (Schulz von Thun) ausgetauscht werden können.
• Akzeptanz der Verschiedenheit: Es wurde erarbeitet, dass zwei Wahrheiten nebeneinander existieren können. Eine gelingende Erziehungspartnerschaft bedeutet nicht zwingend, die gleiche Meinung zu haben, sondern die Sichtweise des anderen als dessen Realität anzuerkennen.
Durch die anschauliche Metapher der Insel konnten die Teilnehmenden im Praxisteil Methoden entwickeln, um selbst in emotional aufgeladenen Situationen durch „Inselhopping“ einen „Besuchendenstatus“ zu bewahren und so Eskalationen zu vermeiden.
In Rollenspielen und Kleingruppen hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, schwierige Gesprächssituationen (z. B. Konfliktgespräche oder das Ansprechen von Entwicklungsverzögerungen) zu simulieren. Unter Anleitung von Frau Ebner wurden alternative Formulierungen erprobt und die Wirkung von aktivem Zuhören direkt erlebt. Besonders wertvoll war hierbei das Feedback der Referentin, das half, den eigenen Kommunikationsstil kritisch zu hinterfragen und zu verfeinern.
Wichtigste Erkenntnis des Tages: Kommunikation ist mehr als nur Informationsaustausch – sie ist Beziehungsarbeit, die durch eine klare Struktur und eine wertschätzende Haltung maßgeblich zum Wohle des Kindes beitragen kann.
Text: Michael Herrmann
