Kaum waren wir wieder aus dem Urlaub gelandet, ging es los. Wir waren an Pfingsten auf Mallorca. Nein, nicht am Ballermann, sondern im Familienurlaub, ganz ruhig und gediegen, soweit das mit unseren Kids halt möglich ist. Meine Frau hatte sich in einem Anfall von idealistischen Urlaubsvorstellungen so einen dicken Wälzer mitgenommen, der gewichtstechnisch gefühlt etwa die Hälfte unseres Handgepäcks ausmachte. Den nahm sie dann auch fast unversehrt übrigens genauso wieder mit heim. So viel zum Thema Ruhe am Pool und so. Schwupps war der Urlaub rum und Bäm! werde ich wieder von der Realität eingeholt.
Es gibt diese Situationen, die völlig harmlos beginnen und am Ende in einer Dimension landen, die niemand kommen sah. Bei uns zu Hause war das einmal eine lockere Balkonplatte. Nichts Dramatisches. Man denkt: kurz festkleben, ausfugen, fertig. Vielleicht ein kleiner Handwerkertermin, zwei Stunden Aufwand und dann zurück zum Alltag. Bis der freundliche Fliesenleger genauer hinschaut. Unter der Platte Feuchtigkeit. Unter der Feuchtigkeit beschädigtes Material und plötzlich geht es nicht mehr um eine lockere Platte und 200€, sondern der Kostenvoranschlag beläuft sich vorsichtig, wie der Mann betont auf rund 7500€. Es ist also eine Totalsanierung.
Irgendwie erinnert mich das an das zurückliegende Schuljahr. Da hatte es erstaunlich viele dieser Balkonplatten. Zumindest sorgte man aus Stuggi für einen nahezu unendlichen Nachschub davon. Nur hießen die nicht Balkonplatten, sondern eher Innovationselemente. Was sich da so locker flockig in so mancher Info-Mail mit zig Anlagen las, beschäftigt(e) uns im Kollegium mehr als uns lieb ist/war. Angefangen hat nichts mit einer großen Krise. Keine einzelne Maßnahme, keine einzige Reform, kein singuläres Ereignis. Es waren viele mehr oder minder großen Dinge. Ein neues Verfahren hier. Ein zusätzlicher Schwerpunkt dort. Noch eine Innovation. Noch eine Rückmeldung. Noch eine Abfrage. Noch ein Projekt. Alles für sich genommen nachvollziehbar, oft sogar sinnvoll. Und genau deshalb so tückisch. Denn jede einzelne Maßnahme wirkt überschaubar. Aber irgendwann steht man als Schulleitung mitten im Schuljahr da und fragt sich: Wann genau ist aus all den kleinen Anpassungen eigentlich ein Zustand geworden, in dem niemand mehr richtig Luft holen kann?
Ich glaube, vielen unter Ihnen ging es auch so und viele Schulen haben dieses Jahr nicht als Schuljahr erlebt, sondern als Dauerbetrieb unter Baustellenbedingungen. Und das Verrückte daran ist: Es liegt nicht daran, dass Menschen nicht wollen. Im Gegenteil. Wenn ich mir anschaue, was meine Kolleginnen und Kollegen leisten, wie viele Dinge gleichzeitig organisiert, begleitet, aufgefangen und gelöst werden, dann ist die Einsatzbereitschaft enorm. Lehrkräfte machen Unterricht, führen Gespräche, begleiten Entwicklung, reagieren auf Konflikte, dokumentieren, organisieren und springen ein. Schulleitungen koordinieren, entscheiden, vermitteln, lösen Personalfragen, beantworten Anfragen und versuchen nebenbei noch, Schule tatsächlich zu gestalten. Aber irgendwann reicht Engagement allein nicht mehr.
Vor einigen Wochen saß ich mit einer Kollegin zusammen. Erfahren, reflektiert, niemand, der schnell jammert oder große Gesten braucht. Wir haben über das Schuljahr gesprochen und ich fragte sie irgendwann: Wenn du einen Wunsch frei hättest an das Ministerium – nur einen –, welcher wäre das? Ich erwartete etwas Großes. Mehr Personal. Weniger Unterricht. Mehr Unterstützung. Sie schaute kurz aus dem Fenster und sagte nur: „Ruhe im Schiff.“
Ich musste zuerst lachen. Aber je länger ich darüber nachdacht habe, desto klüger wurde dieser Satz. Ruhe im Schiff. Nicht Stillstand. Nicht Reformstopp. Nicht Rückwärtsgang. Sondern einfach einmal die Möglichkeit, Dinge zu Ende zu bringen, bevor die nächsten anfangen.
Denn aktuell fühlt sich Schule manchmal an wie ein Schiff, auf dem gleichzeitig neue Segel gesetzt, die Mannschaft umorganisiert, das Navigationssystem ausgetauscht und der Maschinenraum modernisiert wird – während man noch versucht, den Wassereinbruch vom letzten Deck zu beseitigen. Dabei entstehen die größten Belastungen oft gar nicht durch die großen Themen. Sondern durch den ganz normalen Wahnsinn. Man nimmt sich morgens vor: Heute endlich an Schulentwicklung arbeiten. Unterrichtsentwicklung. Prozesse anschauen. Konzepte weiterdenken. Zeit für das Eigentliche. Und dann beginnt der Tag.
Kurz nach Unterrichtsbeginn kommt die Information, dass Bilder in einer WhatsApp-Gruppe kursieren. Wer hat sie verschickt? Wer ist betroffen? Datenschutz? Auswirkungen auf die Schule? Eltern informieren? Gespräche organisieren? Dokumentation? Sanktionen? Zwei Stunden später ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Danach meldet sich jemand aus dem Kollegium. Auf dem Schulhof gab es Streit – Auslöser war, man glaubt es kaum, der Blick zu einer Mitschülerin – ich musste lernen, was ein Bitch-Blick ist. Es gibt verschiedene Versionen, unterschiedliche Wahrnehmungen, Gesprächsbedarfe und plötzlich beschäftige ich mich einen erheblichen Teil des Vormittags damit und den Vapes, die die Kontrahentin angeblich auch noch verticken soll.
Zwischendurch Vertretungsplanung. Eine kurzfristige längere Krankmeldung. Eine Rückfrage aus der Verwaltung wegen des Infektionsschutzgesetzes. Eine Information, die möglichst sofort umgesetzt werden soll. Ein Elternanruf mit den Worten: „Ich wollte nur ganz kurz …“ – was im schulischen Kontext erfahrungsgemäß bedeutet, dass man seinen nächsten Termin verschieben kann.
Am Ende des Tages schaut man auf die To-Do-Liste. Ganz oben steht immer noch: Schulentwicklung. Nicht begonnen. Und genau darin liegt das eigentliche Problem.
Wir sprechen seit Jahren über Veränderung. Über bessere Schule. Über Innovation. Über Qualitätsentwicklung. Aber Entwicklung braucht freie Kapazitäten. Sie entsteht nicht zwischen Konfliktmoderation, Verwaltungsaufgaben und Dauerreaktion. Was Schulen derzeit oft erleben, ist keine Innovation mehr, sondern Projektleritis. Für jedes Problem entsteht ein Projekt. Für jede Herausforderung eine Initiative. Für jede Idee ein Arbeitskreis. Für jede Beobachtung ein neues Instrument. Natürlich steckt dahinter meistens gute Absicht.
Aber die gute Absicht alleine ersetzt keine Koordination. Und manchmal entsteht der Eindruck, als würde auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig gearbeitet – nur halt nicht gemeinsam. Maßnahmen kommen nebeneinander, Anforderungen laufen parallel, Prioritäten wechseln. Was fehlt, ist die einfache Frage: Was lassen wir dafür weg? Denn jede neue Aufgabe ist nicht nur eine neue Aufgabe. Sie nimmt Zeit von etwas anderem. Und häufig ist dieses „etwas anderes“ genau das, worüber gleichzeitig alle reden: Schulentwicklung.
Dabei wissen Schulen meistens ziemlich genau, was sie brauchen. Die Ideen sind da. Die Kompetenz ist da. Die Menschen sind da. Was fehlt, ist oft nicht Kreativität. Es fehlt Zeit. Es fehlt Ruhe. Vielleicht wäre deshalb die größte Innovation der nächsten Jahre nicht das nächste Programm und nicht die nächste Plattform. Vielleicht wäre die größte Innovation, Schulen einmal machen zu lassen. Ziele formulieren. Vertrauen geben. Begleiten. Aber nicht ständig gleichzeitig neu erfinden. Denn Schule ist kein Start-up im permanenten Pivot. Schule ist ein Ort, an dem jeden Tag gearbeitet, gelernt, gestritten, versöhnt, organisiert und Zukunft gebaut wird. Und Zukunft entsteht selten im Daueralarm. Manchmal entsteht sie einfach dort, wo das Schiff ruhig genug fährt, damit die Menschen an Bord wieder Kurs aufnehmen können. Von mir aus auf Mallorca und wenn sie dann den Trubel wollen, von mir aus auch auf den Ballermann.
