VBE BW Landesverband
02.10.2026

Grundschulumfrage: Viel Einsatz, zu wenig Entlastung

Mehr Zeit für die pädagogische Arbeit. Das wünschen sich die 672 Grundschullehrkräfte, die an einer Umfrage des VBE Baden-Württemberg teilgenommen haben. Die Kolleginnen und Kollegen benennen klar, was sie im Schulalltag belastet und was ihnen helfen würde. Die Ergebnisse zeigen, wie ihr Einsatz die Grundschulen trägt – und wo dieser Einsatz an Grenzen stößt.

Die Freude am Beruf ist weiterhin hoch. Rund drei Viertel der befragten Lehrkräfte geben an, ihn „sehr gern“ oder „eher gern“ auszuüben. Auch die Stimmung im Kollegium bewerten sie größtenteils als „gut“ oder „eher gut“. Doch diese Verbundenheit mit der Arbeit darf den Blick auf die Arbeitsbedingungen nicht verstellen: Rund 97 Prozent schätzen ihre Belastung aktuell als „hoch“ oder „eher hoch“ ein.

Gerade darin liegt die zentrale Botschaft der VBE-Umfrage. Die Lehrkräfte sind motiviert, wollen unterrichten und ihre Schülerinnen und Schüler gut begleiten. Sie erleben aber, dass dafür Zeit und Personal fehlen. Wer daher aus der weiterhin hohen Berufszufriedenheit schließt, die Grundschulen könnten zusätzliche Aufgaben schon noch auffangen, zieht aus den Antworten genau den falschen Schluss.

Was den Unterricht anspruchsvoller macht

Danach gefragt, was sie bei ihrer Arbeit besonders belastet oder beschäftigt, nennen die Lehrkräfte am häufigsten die sozial-emotionalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler (76 Prozent), dicht gefolgt von der Heterogenität der Schülerschaft (75 Prozent). Beides verlangt viel Aufmerksamkeit, individuelle Förderung und Zusammenarbeit im Team. Diese Arbeit braucht Raum im Stundenplan und qualifiziertes Personal, welches auch abseits des Unterrichts auf die Kinder eingehen kann.

Hinzu kommen Anforderungen durch neue Konzepte und Verfahren. 68 Prozent nehmen etwa Konzeptionen des Kultusministeriums wie Starke Basis, BiSS-Transfer oder das Matheband als Belastung wahr. 58 Prozent führen die datengestützte Qualitätsentwicklung an, darunter Lernstand 2, VERA 3 und Ziel- und Leistungsvereinbarungen. Die Antworten stellen aus Sicht des VBE keine pauschale Absage an neuen Konzeptionen oder Schulentwicklung dar. Sie spiegeln vielmehr die Erfahrungen aus der Praxis wider und zeigen, dass jede Neuerung ausreichend Zeit für Vorbereitung, Umsetzung und Auswertung beansprucht. Fehlt diese Zeit, konkurriert die Arbeit an Konzepten mit der Arbeit am Kind.

In den freien Antworten wird dieser Zusammenhang greifbar. Viele Lehrkräfte beschreiben, dass zusätzliche Diagnosen wenig bewirken, wenn anschließend Förderstunden fehlen. Andere wünschen sich mehr Zeit, um neue Konzepte an ihre Schule anzupassen, bevor die nächste Aufgabe hinzukommt. Wer Lernstände erhebt, muss eben auch ermöglichen, aus den Ergebnissen entsprechende Konsequenzen für die Förderung zu ziehen. Und wer die Grundschulen mit neuen Konzeptionen überzieht, muss ihnen auch die nötigen Freiräume für eine pädagogisch wirkungsvolle Umsetzung verschaffen. Fehlen vor Ort jedoch Stunden und Personal führen selbst die modernste Diagnostik und wissenschaftlich noch so fundierte Konzepte lediglich zu weiterer Belastung.

Vertretung darf kein Dauerzustand sein

Wie knapp die personellen Spielräume der Schulen sind, zeigen die Antworten zum Ausfall von Kolleginnen und Kollegen. An den meisten Grundschulen wird er durch Überstunden aufgefangen. Rund drei Viertel der Befragten nennen Mehrarbeit, etwa zwei Drittel Nebenaufsichten oder Mitversorgung und gut die Hälfte nennt Klassenzusammenlegungen. Mehrfachnennungen waren möglich.

Solche Lösungen können im Einzelfall helfen. Werden sie jedoch zum Alltag, belasten sie auch den Unterricht, der eigentlich regulär stattfinden sollte. Viele Lehrkräfte schildern in der offenen Frage, dass ihnen viel Zeit in ihrer Klasse verloren geht, weil regelmäßig zusätzlich Kinder aus anderen Lerngruppen untergebracht werden müssen. Hinter einer statistisch „versorgten“ Stunde kann also Unterricht stehen, in dem für alle weniger Zeit bleibt.

Die Befragten benennen sehr konkret, was die Lage verbessern würde: Fast drei Viertel sprechen sich für eine Vertretungsreserve von mindestens 110 Prozent aus. Bei der Frage nach persönlicher Entlastung wünschen sich zwei Drittel eine solche echte Krankheitsreserve. Der VBE fordert deswegen ausreichend fest eingeplante Personalreserven, die Ausfälle auffangen, ohne die übrigen Klassen und Kollegien regelmäßig zusätzlich zu belasten.

Mehr Fachkräfte und kleinere Lerngruppen

Darüber hinaus halten die allermeisten Befragten (86 Prozent) Doppelbesetzungen in herausfordernden Klassen für geeignet, die Situation an Grundschulen zu verbessern. Die Mehrheit fordert außerdem den Einsatz von multiprofessionellen Teams und pädagogischen Assistenzen. Auch kleinere Klassen stehen weit oben: Zwei Drittel sehen sie sogar als die Effektivste Maßnahme, die sie bei ihrer persönlichen Arbeit entlasten würde. Weitere 56 Prozent wünschen sich zudem echte Förderstunden.

Diese Antworten gehören zusammen. Wenn Kinder sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen mitbringen und zugleich mehr Unterstützung im sozial-emotionalen Bereich benötigen, reicht es nicht, von einer Lehrkraft immer mehr individuelle Förderung zu erwarten. Vielmehr braucht es zusätzliche qualifizierte Lehrkräfte, verlässliche Förderstunden und Unterstützung durch weitere Professionen. Pädagogische Assistenzen und Schulsozialarbeit können Lehrkräfte sinnvoll ergänzen und effektiv entlasten. Für Unterricht, pädagogische Maßnahmen und individuelle Förderung müssen ausreichend ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen.

Besonders dringlich ist die Unterstützung bei der Inklusion. Von allen Befragten sind rund zwei Drittel mit ihrer Umsetzung unzufrieden; etwa ein Fünftel gibt an, dass es an der eigenen Schule keine inklusiven Settings gibt. Die Ergebnisse lassen keine Aussage darüber zu, wie zufrieden ausschließlich Lehrkräfte mit eigener Inklusionserfahrung sind. Sie machen aber deutlich, dass die Umsetzung insgesamt sehr kritisch bewertet wird. Der VBE sieht hierin keine grundsätzliche Absage an Inklusion, jedoch einen unmissverständlichen Hinweis auf unzureichende Bedingungen und fehlende Ressourcen. Inklusion braucht sonderpädagogische Fachkompetenz, Zeit für gemeinsame Planung und eine Ausstattung, die den Bedürfnissen der Kinder tatsächlich gerecht wird. Je nach Art und Schwere der Behinderung eines Kindes muss eine Doppelbesetzung in der Klasse sichergestellt sein.

Aufgaben prüfen, Zeit zurückgeben

Neben der personellen Unterstützung wünschen sich die Befragten mehrheitlich eine Entbürokratisierung (57 Prozent) sowie weniger Vorgaben des Kultusministeriums (51 Prozent). Auch die offene Frage ist von dem Wunsch geprägt, wieder mehr Zeit für Unterricht und Kinder zu haben.

Daraus folgt ein klarer Auftrag an die Bildungspolitik: Neue Maßnahmen müssen vor ihrer Einführung auf den Arbeitsaufwand an den Schulen geprüft werden. Bestehende Dokumentationspflichten und Verfahren gehören auf den Prüfstand. Was für die Förderung wenig Nutzen bringt, sollte vereinfacht oder gestrichen werden. Für sinnvolle neue Aufgaben müssen Zeit und Unterstützung bereitstehen.

Zur Attraktivität des Berufs gehört auch eine angemessene Bezahlung. Auf die Frage, ob eine Besoldung nach A 13 ihre Arbeitsmotivation steigern würde, antworten rund 90 Prozent mit einem klaren „Ja“. Baden-Württemberg zählt mittlerweile zu den bundesweiten Schlusslichtern, wenn es um die Bezahlung von Grundschullehrkräften geht.

Fazit

Die Umfrage zeigt hoch engagierte Lehrkräfte, die ihren Beruf überwiegend gern ausüben. Sie zeigt ebenso deutlich, dass persönlicher Einsatz fehlende Ressourcen nicht dauerhaft ersetzen kann. Wer die Qualität der Grundschule sichern will, muss den Kollegien Zeit für ihre pädagogische Arbeit zurückgeben: mit kleineren Klassen, verlässlichen Personalreserven, echter Förderung und multiprofessioneller Unterstützung dort, wo die Anforderungen besonders hoch sind.

Weitere Infos

An der vom VBE Baden-Württemberg im September 2026 durchgeführten Befragung haben 672 Lehrkräfte an Grundschulen teilgenommen; 337 beantworteten zusätzlich die offene Frage. Bei mehreren Fragen waren Mehrfachnennungen möglich. Die Umfrage liefert ein breites Stimmungsbild aus der Praxis; sie erhebt aber keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität.

Alle Ergebnisse zum Download. 

 

 

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Walter Beyer HPR Pos.4

Stellvertretender Landesvorsitzender

Walter Beyer