VBE BW Landesverband
Erziehungspartnerschaft, Schulleitung
01.10.2026

Lederle spricht Klartext: BÄM!

Na, wie waren denn Ihre großen Ferien so? Wie, Sie können sich schon kaum mehr daran erinnern, ob da jemals was war, und der Alltag hat Sie schon wieder voll im Griff? Kenn ich natürlich gaaaaaar nicht! Also bei mir war das so wie jedes Jahr. Die letzten beiden Wochen waren schon mehr oder minder schulischen Themen und ersten Verwaltungstätigkeiten gewidmet. Eigentlich
möchte ich so eine Art „leichtes Hineingleiten“, nur gelingt das gefühlt immer weniger. Spätestens beim Blick ins E-Mail-Programm und auf die diversen schulischen Adressen ist es dann vorbei. Statt „sanft“ ist das dann eher so ein „Bäm!“.

Was es zunehmend „bämiger“ macht, ist nicht die Flut an E-Mails von irgendwelchen Stellen rund um Stuggi, die sich manchmal so
anfühlt wie ein „Hauptsache weg von meinem Schreibtisch vorm Urlaub“, sondern die Mails der „Stacheldrahteltern“. Da wird sich
munter beschwert, beim Schulamt, beim RP, beim Ministerprä sidenten, ach was, gleich beim Papst. Nur wegen der Noten in irgendeinem Nebenfach bleibt der Sprössling sitzen, voll ungerecht und vor allem voll unfähig. Alle! Die Lehrer natürlich, der Schulleiter sowieso. Alle tragen Schuld, nur der Filius, der das ganze Jahr durch beständiges Testen der Nerven des Lehrpersonals aufgefallen ist und weder Hausaufgaben noch Material je dabeihatte, dem wird nun das Leben versaut. Dass das Zeugnis sonst ausnahmslos mit der Bestnote 4 in diversen anderen Fächern glänzt und die eine oder andere 5 dann auch noch dabei ist, wurde geflissentlich übersehen. Warum dann aber die Klassenkonferenz nicht die Genialität des eigenen Nachwuchses erkannt und eine außergewöhnliche Versetzungsentscheidung getroffen hat, erschließt sich den Eltern, der KI-Recherche sei Dank, natürlich nicht. Vollkommen unpädagogisch – oder, um es mit den Worten der Mutter zu sagen: „Und sowas nennt sich Pädagoge!“ Das ist schon heftig, was da auch sprachlich so abgeht und was man sich so alles anhören muss! Dass
Pädagogik auch etwas mit dem Erfahren von Konsequenzen zu tun hat, hat die KI der Dame wohl nicht verraten.

Auch deutlich zugenommen hat das Wechselfieber. Das Phänomen ist wohl an allen Sek1-Schulen bekannt. Wechselzeiten zum
Halbjahr oder zum Schuljahr? Uninteressant. Das ganze Jahr über und verstärkt ab Juni/Juli werden wir mit Wechselersuchen bombardiert. Was aber auch hier deutlich zugenommen hat, sind die Eltern, die am ersten Schultag auf der Matte stehen und hier jetzt und sofort das Kind beschult haben wollen. Das Ganze dann auch noch mit einer Vehemenz und einer Selbstverständlichkeit, dass man sich sofort und ohne Umschweife Zeit zu nehmen hat. Wahnsinn. Dass sie zuvor sechs Wochen Zeit hatten, um mal einen Termin auszumachen, wird konsequent ausgeblendet. Vorsorglich droht man gleich mit dem Anwalt oder wahlweise mit der Presse.
Sehr charmant finde ich, dass es Eltern gibt, die Termine unter der Woche zur Anmeldung und zu den üblichen Bürozeiten nicht
wahrnehmen können und einem dann Termine nach 18:00 Uhr oder gerne am Samstag vorschlagen. Das sollte doch bei ein wenig Bürgernähe machbar sein.

Und Bäm!, da ist es dann wieder, das Wort vom „faulen Sack“ oder „lahmen Beamten“.


Was sich diese Eltern im Publikumsbeschimpfungsmodus davon versprechen, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Vielleicht ist genau das inzwischen das eigentliche Problem: die Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen davon ausgehen, dass sich Schule gefälligst nach ihnen zu richten hat. Nicht mehr die Frage „Was können wir gemeinsam für das Kind tun?“ steht im Mittelpunkt, sondern immer häufiger: „Was können Sie jetzt sofort für mich tun?“ Und wehe, die Antwort lautet: „Das geht
so nicht.“ Dann wird aus einem Gespräch schnell eine Forderung und aus einer Forderung eine Beschwerde und aus der Beschwerde – Bäm! – eine Drohung mit dem Anwalt.

Dabei ist Schule kein Bestellservice. Lehrkräfte sind keine persönlichen Dienstleister und Schulleitungen schon gar keine 24/7-Hotline für individuelle Elternwünsche. Ja, Schule ist für Schülerinnen und Schüler da. Ja, Eltern haben berechtigte Interessen und selbst verständlich auch das Recht, Fragen zu stellen, Kritik zu äußern und Entscheidungen überprüfen zu lassen. Genau dafür gibt es Wege und Verfahren.

Aber zu einem Recht gehört eben auch eine Grenze. Und diese Grenze heißt Respekt. Respekt vor der Arbeit der Lehrkräfte. Respekt vor getroffenen Entscheidungen. Respekt vor Gesprächszeiten. Und vor allem Respekt davor, dass Schule nicht nur aus dem eigenen Kind besteht. Denn während die eine Familie gerade um die Versetzung ihres Kindes kämpft, sitzt in derselben Klasse vielleicht
ein anderes Kind, das sich das ganze Jahr angestrengt, gelernt und an Regeln gehalten hat. Auch dessen Leistung und dessen Bedürfnisse gehören zur pädagogischen Realität. Schule ist kein Wunschkonzert und eine Klassenkonferenz kein Casting, bei dem am Ende derjenige gewinnt, dessen Eltern am lautesten auftreten.

Und bevor jetzt wieder jemand schreibt, ich hätte etwas gegen engagierte Eltern: Nein. Ganz im Gegenteil! Wir brauchen Eltern,
die sich interessieren. Eltern, die nachfragen. Eltern, die ihre Kinder unterstützen. Eltern, die Schule kritisch begleiten. Das gehört zu einer funktionierenden Bildungslandschaft. Was wir nicht brauchen, ist die Kombination aus Anspruchsdenken, Misstrauen und Eskalationsbereitschaft. Denn irgendwann sitzt auf der anderen Seite eben kein anonymer Verwaltungsapparat mehr, sondern ein
Mensch. Ein Mensch, der morgens zur Schule kommt, Unterricht vorbereitet hat, Konflikte löst, Gespräche führt, Kinder auffängt,
Entscheidungen treffen muss und am Ende des Tages auch irgendwann Feierabend haben möchte. Und nein: Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist normale Arbeitszeit.

Vielleicht sollten wir deshalb alle mal wieder einen Gang zurückschalten. Weniger Empörung, mehr Gespräch. Weniger Drohung, mehr Vertrauen. Weniger „Ich will aber“ und mehr „Wie können wir das gemeinsam lösen?“ Das wäre übrigens auch ziemlich pädagogisch. Und vielleicht würde dann der Schuljahresbeginn nicht ganz so oft mit einem Bäm! beginnen. Obwohl – seien wir ehrlich: Ganz
ohne Bäm! wäre es ja auch langweilig.

Dirk Lederle,
Schulleiter Johanniterschule Heitersheim

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Stellvertretender Landesvorsitzender

Dirk Lederle

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