























„Während in der Sekundarstufe I deutliche Fortschritte bei der Unterrichtsversorgung erkennbar sind, bleiben die SBBZ weit zurück. Zugleich fehlen an zahlreichen Grundschulen die personellen und räumlichen Voraussetzungen für eine pädagogisch hochwertige Ganztagsbetreuung. Das Land hat den Rechtsanspruch auf Kosten der Qualität eingeführt“, erklärt der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand angesichts aktueller Studienergebnisse.
Der VBE Baden-Württemberg hat in der vierten Schulwoche vom 5. bis 9. Oktober 2026 eine Umfrage an Grundschulen, Schulen der Sekundarstufe I und Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) durchgeführt. Dabei wurden jeweils die Schulleitungen zur Unterrichtsversorgung an der eigenen Schule befragt. An der Grundschule wurden außerdem Fragen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung ergänzt. Insgesamt 749 Schulen haben sich daran beteiligt. Teilweise ist ein Vergleich mit einer Untersuchung aus 2024 möglich.
An den Grundschulen zeigt sich nur eine leichte Verbesserung. Wie schon 2024 berichten erneut nur 38 Prozent der Schulen, dass sie mit 100 Prozent des vorgesehenen Unterrichtsbedarfs versorgt sind. Allerdings geht der Anteil der Schulen mit einer Versorgung von 90 Prozent oder weniger von 13 auf 11 Prozent etwas zurück.
In der Sekundarstufe I zeigen sich dagegen deutlich größere Fortschritte. Hier steigt der Anteil der Schulen mit einer 100-Prozent-Versorgung von 25 auf 34 Prozent. Zudem sinkt der Anteil der Schulen mit einer Versorgung von höchstens 90 Prozent von 23 auf 17 Prozent. Trotz des klaren Aufwärtstrends bleibt die Sekundarstufe I damit weiterhin hinter der Grundschule zurück.
An den SBBZ ergibt sich ein völlig anderes Bild. Nach wie vor melden lediglich zwei Prozent der Schulen eine Versorgung von 100 Prozent (2024 waren es 3 Prozent). 78 Prozent (2024: 75 Prozent) berichten dagegen eine Unterrichtsversorgung von 90 Prozent oder weniger. Vier von zehn SBBZ liegen bei höchstens 80 Prozent, jedes achte SBBZ liegt unter 70 Prozent.
Auch regional zeigen sich deutliche Unterschiede. Während etwa der Regierungsbezirk Karlsruhe vergleichsweise gut abschneidet, stellt sich die Versorgung insbesondere im Regierungsbezirk Stuttgart merklich angespannt dar. Auffällig bleibt, dass die SBBZ nahezu flächendeckend unterversorgt sind. Brand: „Ein klassisches Stadt-Land-Gefälle lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten. Insgesamt ist festzuhalten, dass wir trotz der Verbesserungen an zwei von drei Schularten von einer zufriedenstellenden Personalsituation noch weit entfernt sind. Besonders bedrückend bleibt die Situation an den SBBZ. Ausgerechnet dort, wo Kinder und Jugendliche besonders intensive pädagogische Unterstützung benötigen, fehlen in erheblichem Umfang Lehrkräfte.“
Um die Personallücken zu kompensieren, müssen viele Schulen bereits in der vierten Unterrichtswoche organisatorische Notlösungen ergreifen. An den Grundschulen etwa muss aktuell jede zweite Schule (55 Prozent) fehlendes Personal durch Mehrarbeit auffangen, an vier von zehn Schulen (42 Prozent) werden außerdem Klassen zusammengelegt und an drei von zehn Schulen (30 Prozent) müssen auch pensionierte Lehrkräfte einspringen.
Besonders deutlich wird die angespannte Situation beim Unterrichtsausfall: Aktuell melden 37 Prozent der befragten Grundschulen, 57 Prozent der Sek I-Schulen und 51 Prozent der SBBZ Unterrichtsausfälle (2024: Grundschule: 38 Prozent; Sekundarstufe I: 59 Prozent; SBBZ: 51 Prozent).
„Der Unterrichtsausfall bleibt nahezu unverändert hoch. Die teilweise bessere Personalausstattung kommt im Schulalltag zu wenig an“, stellt Brand fest. „Es ist ein altbekanntes Muster: Solange es den Schulen an Personalreserven für kurzfristige Ausfälle, Erkrankungen, Schwangerschaften, Fortbildungen, Klassenfahrten und zusätzliche Aufgaben fehlt, bleibt der Schulalltag extrem störanfällig.“
An nahezu jedem dritten SBBZ machen Personen ohne Lehramtsausbildung mindestens 30 Prozent des Kollegiums aus. An jedem zehnten SBBZ sind es über 40 Prozent. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, müssen aktuell an sechs von zehn SBBZ (62 Prozent) Personen ohne Lehramtsausbildung unterrichten.
„Das ist ausdrücklich keine Kritik an jenen Beschäftigten, die unter schwierigen Bedingungen aushelfen und wertvolle Arbeit leisten“, betont Brand. „Es liegt jedoch in der Verantwortung des Landes, genügend qualifizierte Fachkräfte auszubilden und einzusetzen. Sonderpädagogische Diagnostik und die Förderung von Kindern mit komplexen Unterstützungsbedürfnissen erfordern besondere fachliche Kompetenzen. Eine fundierte Ausbildung lässt sich nicht beliebig ersetzen.“
Aus Sicht der befragten Grundschulen ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung nicht mit ausreichend Ressourcen unterfüttert: Drei Viertel (76 Prozent) halten unter den aktuellen Bedingungen eine hochwertige Ganztagsbetreuung nicht für möglich. Fast ebenso viele (72 Prozent) sehen die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schulen nicht ausreichend berücksichtigt. Und etwa die Hälfte (51 Prozent) bezweifelt, dass der Rechtsanspruch zu mehr Chancengleichheit beitragen kann. Als größte Herausforderungen nennen die Schulleitungen den Mangel an qualifiziertem Personal (71 Prozent), unzureichende Räumlichkeiten (63 Prozent), die zusätzliche Belastung des Lehrpersonals (46 Prozent) und unklare Zuständigkeiten zwischen Schule, Schulträger und Jugendhilfe (41 Prozent).
Die offenen Antworten zur Qualifikation des Betreuungspersonals verdeutlichen die Schwierigkeiten: Neben pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften kommen vielerorts Quereinsteigende, Ehrenamtliche, Studierende und Personen ohne einschlägige pädagogische Ausbildung zum Einsatz. Teilweise kennen Schulleitungen die Qualifikation des von den Kommunen organisierten Betreuungspersonals nicht.
„Die Ganztagsbetreuung bietet eine enorme Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. Wenn der Rechtsanspruch jedoch zur Beaufsichtigung durch Hilfskräfte verkommt, droht diese Chance verspielt zu werden“, warnt Brand. „Wir brauchen pädagogische Profis, die eine verlässliche Hausaufgabenbetreuung und gezielte Förderangebote zum Ausgleich von Disparitäten leisten können. Gleichzeitig dürfen Ganztagsbetreuung und Unterrichtsversorgung nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide Bereiche müssen mit ausreichend Ressourcen ausgestattet sein“.
In allen drei Schularten wünschen sich rund 90 Prozent der Befragten eine stärkere Konzentration auf das Kerngeschäft und eine Entlastung von außerunterrichtlichen Tätigkeiten. Rund sechs von zehn Befragten sprechen sich schulartübergreifend für einen Verzicht auf weitere bildungspolitische Großprojekte aus.
Aus den Umfrageergebnissen leitet der VBE vier zentrale Forderungen ab:
Die Online-Befragung wurde als nicht repräsentative Erhebung durchgeführt. Teilgenommen haben Schulleitungen an 409 Grundschulen, 211 Schulen der Sekundarstufe I und 129 Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren. Detaillierte Ergebnisse sind im Anhang bzw. auf unserer Website dokumentiert.
Anlage: Umfrage-Ergebnisse























