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Frühkindliche Bildung
29.09.2026

Der PISA-Schock beginnt nicht erst in der Schule: Was die VBE-Kita-Umfrage über die wachsenden Unterstützungsbedarfe von Kindern zeigt

Die neuen PISA-Ergebnisse sind ernüchternd. In Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften erzielten die 15-Jährigen in Deutschland die niedrigsten Werte, die hierzulande jemals im Rahmen von PISA gemessen wurden. Seit Jahren wird über Bildungsqualität, Basiskompetenzen und Bildungsgerechtigkeit diskutiert. Trotzdem wird die Gruppe der Schülerinnen und Schüler größer, die nicht einmal die grundlegenden Kompetenzstufen erreicht.

Nach der Veröffentlichung solcher Ergebnisse folgen meist die bekannten Reflexe: mehr Förderung, mehr Tests, verbindlichere Standards und möglichst frühzeitige Sprachstandserhebungen. Schulen sollen die Basiskompetenzen sichern. Kitas sollen noch früher erkennen, fördern, dokumentieren und ausgleichen.

Nur: Kitas und Schulen können es nicht allein richten.

Die aktuelle Kita-Umfrage des VBE Baden-Württemberg vom September 2026 zeigt, dass viele Probleme lange vor der PISA-Testung sichtbar werden. Mehr als 1.100 Beschäftigte aus Kindertageseinrichtungen haben sich daran beteiligt. Die Ergebnisse liefern keine einfache Erklärung für PISA. Sie zeigen aber sehr deutlich, unter welchen Bedingungen frühe Bildung derzeit stattfindet – und wo das System bereits an seine Grenzen gerät.

Die Fachkräfte arbeiten gerne – aber unter hoher Belastung

Zunächst eine gute Nachricht: Die Stimmung in den Teams wird von 86 Prozent der Befragten als gut oder eher gut eingeschätzt. Ebenso viele – 86 Prozent – üben ihren Beruf insgesamt sehr gerne oder eher gerne aus.

Das ist ein starkes Signal. In den Kindertageseinrichtungen arbeiten keine Menschen, die innerlich längst gekündigt haben. Die große Mehrheit identifiziert sich mit ihrer Aufgabe und möchte Kinder gut begleiten. Gleichzeitig bewerten 88 Prozent ihre persönliche Arbeitsbelastung als hoch oder eher hoch. Bei der Belastung des gesamten Teams sind es 85 Prozent. Und knapp ein Drittel würde den eigenen Beruf wahrscheinlich nicht oder auf keinen Fall weiterempfehlen.

Genau diese Diskrepanz sollte uns zu denken geben: Die Beschäftigten mögen ihren Beruf, können aber die Bedingungen, unter denen er ausgeübt wird, immer weniger empfehlen. Engagement ist noch vorhanden. Es wird allerdings zu häufig als still verfügbare Personalreserve behandelt.

Wenn Kinder mehr Unterstützung brauchen

Als größte Belastung nennen 55 Prozent Mehrarbeit und Vertretung. An zweiter Stelle stehen mit 49 Prozent die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder. Es folgen Dokumentation und Portfolioarbeit mit 43 Prozent, große Gruppen mit 41 Prozent sowie Kinderschutzkonzept und Konzeptionsentwicklung mit 40 Prozent.

Besonders aufschlussreich sind die 381 Antworten im Freitextfeld. Dort berichten die Beschäftigten immer wieder von Kindern mit herausforderndem Verhalten, Entwicklungsverzögerungen, fehlender Impulskontrolle und einem hohen individuellen Begleitungsbedarf. Rund 110 Antworten beziehen sich ausdrücklich auf herausforderndes oder auffälliges Verhalten. Werden Entwicklungsverzögerungen, Inklusions- und Förderbedarf sowie sprachliche Herausforderungen einbezogen, geht es in rund 44 Prozent der offenen Antworten um besondere Unterstützungsbedarfe von Kindern.

Dabei geht es nicht darum, Kinder zu problematisieren. Kinder sind nicht „zu schwierig“ für die Kita. Schwierig wird es, wenn sich ihre Bedürfnisse verändern, die Rahmenbedingungen aber gleich bleiben.

Eine Fachkraft kann ein Kind in einer eskalierenden Situation nicht intensiv begleiten und gleichzeitig für eine große Gruppe verantwortlich sein. Sie kann nicht nebenher mit Eltern, Frühförderstelle, Jugendamt und Integrationshilfe telefonieren, eine Beobachtung dokumentieren und den nächsten Personalausfall auffangen. Irgendwann stößt auch die engagierteste Fachkraft an eine ziemlich reale Grenze.

Inklusion zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Besonders deutlich zeigt sich diese Grenze bei der Inklusion. 50 Prozent aller Befragten sind mit deren Umsetzung eher unzufrieden oder unzufrieden. Weitere 14 Prozent geben an, dass es in ihrer Einrichtung keine inklusiven Settings gibt. Betrachtet man nur die Einrichtungen, in denen Inklusion stattfindet, sind rund 58 Prozent mit der Umsetzung unzufrieden.

Inklusion wird politisch gewollt und fachlich zu Recht eingefordert. Sie gelingt aber nicht durch eine entsprechende Überschrift in der Konzeption. Sie braucht zusätzliche Fachkräfte, kleinere Gruppen, geeignete Räume, heilpädagogische Kompetenz und Zeit für Absprachen. Fehlen diese Voraussetzungen, geraten alle Beteiligten unter Druck: die Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf, die übrigen Kinder, die Familien und die Beschäftigten.

Hinzu kommen lange Wege zu Diagnostik, Frühförderung oder Integrationshilfen. Bis eine Unterstützung tatsächlich bewilligt und verfügbar ist, können viele Monate vergehen. In dieser Zeit muss die Kita auffangen, was andere Systeme noch prüfen, ablehnen oder zwischen Zuständigkeiten hin- und herschieben.

Dokumentation ersetzt keine pädagogische Zeit

Mit 43 Prozent gehört auch die Dokumentations- und Portfolioarbeit zu den größten Belastungen. Beobachtung und Dokumentation sind fachlich notwendig. Sie bilden die Grundlage für Elterngespräche, Förderplanung und die Zusammenarbeit mit anderen Stellen.

Doch Dokumentation braucht Zeit. Wenn diese Zeit nicht verbindlich vorgesehen ist, wird sie entweder bei den Kindern abgezogen oder in die Freizeit der Beschäftigten verschoben. Beides ist keine überzeugende Lösung.

Zudem kommen neue Anforderungen hinzu: Kinderschutzkonzepte, Qualitätsmanagement, der weiterentwickelte Orientierungsplan, Sprachförderprogramme, Datenschutz, Hygiene- und Arbeitsschutzvorgaben. Jede Aufgabe lässt sich für sich genommen begründen. In der Summe entsteht jedoch ein Arbeitsauftrag, der mit der vorhandenen Verfügungs- und Leitungszeit nicht mehr zu bewältigen ist.

Die Antwort darauf kann nicht das nächste Formular sein, mit dem die Überlastung dokumentiert wird.

Was PISA mit der Kita zu tun hat – und was nicht

Die Kinder aus der VBE-Umfrage sind nicht die Jugendlichen, die an PISA teilgenommen haben. Deshalb wäre es unseriös zu behaupten, die Kita-Ergebnisse erklärten unmittelbar die schlechten PISA-Werte.
Trotzdem ergibt sich ein Zusammenhang, den die Bildungspolitik nicht ignorieren darf.

PISA 2025 zeigt, wie stark Bildungserfolg in Deutschland weiterhin von der sozialen Herkunft abhängt. Im Bereich Naturwissenschaften lagen die Leistungen der sozioökonomisch begünstigten Jugendlichen um 125 Punkte über denen der benachteiligten Jugendlichen. Im Durchschnitt der OECD-Staaten betrug dieser Abstand 85 Punkte.

Parallel dazu berichten die Jugendlichen über weniger Unterstützung durch ihre Familien. 2022 gaben noch 81 Prozent an, dass ihre Eltern mindestens einmal pro Woche nachfragten, was sie in der Schule gemacht hatten. 2025 waren es 73 Prozent. Der Anteil der Jugendlichen, die mindestens einmal wöchentlich mit ihren Eltern über Probleme in der Schule sprachen, sank von 57 auf 41 Prozent.

Aber Vorsicht! Das ist kein Anlass für pauschale Schuldzuweisungen an Eltern. Viele Familien stehen selbst unter hohem Druck. Sie kämpfen mit beruflicher Belastung, finanziellen Sorgen, Krankheit, sprachlichen Barrieren oder Unsicherheit in Erziehungsfragen. Manche wissen nicht, welche Unterstützung es gibt. Andere warten monatelang auf einen Termin oder scheitern an Zuständigkeitsgrenzen.

Gerade deshalb braucht es eine konsequente und frühzeitige Begleitung von Familien. Nicht erst dann, wenn ein Kind in der Kita auffällt oder in der Schule die Mindeststandards verfehlt.

Elternbegleitung gehört zur Bildungspolitik

Wenn soziale Herkunft und familiäre Unterstützung einen so großen Einfluss auf Bildungserfolg haben, darf Bildungspolitik nicht an der Tür von Kita und Schule enden.

Wir brauchen niedrigschwellige Familienberatung, gut erreichbare Familienzentren und aufsuchende Angebote. Kinderärztinnen und Kinderärzte spielen bei den Vorsorgeuntersuchungen eine wichtige Rolle, weil sie Entwicklungsauffälligkeiten früh erkennen können. Doch in vielen Regionen sind Praxen stark ausgelastet, nehmen keine neuen Familien auf oder haben kaum Zeit für eine ausführliche Entwicklungsberatung.

Auch Frühförderstellen, sozialpädiatrische Zentren und therapeutische Angebote sind vielerorts mit langen Wartezeiten verbunden. Die frühe Feststellung eines Unterstützungsbedarfs hilft wenig, wenn anschließend monatelang nichts passiert.

Elternbegleitung darf dabei weder bevormunden noch bei einem Stapel Informationsbroschüren stehen bleiben. Familien brauchen erreichbare Ansprechpersonen, konkrete Unterstützung und jemanden, der sie durch das Hilfesystem begleitet. Und ja: Unterstützung entbindet Eltern nicht von ihrer Verantwortung. Beides gehört zusammen.

Ein neues Förderprogramm wird nicht reichen

Auf schlechte Bildungsdaten mit einem weiteren befristeten Programm zu reagieren, ist politisch beliebt. Es vermittelt Aktivität, bleibt zeitlich überschaubar und produziert am Ende zuverlässig einen Abschlussbericht.

Was fehlt, ist eine verbindliche Präventions- und Unterstützungskette:

  • frühe und niedrigschwellige Begleitung von Familien,
  • verlässliche kinderärztliche Vorsorge und Entwicklungsdiagnostik,
  • schnelle Zugänge zu Frühförderung und therapeutischen Hilfen,
  • mobile multiprofessionelle Teams für Kitas und Schulen,
  • feste Ansprechpersonen für Familien und Einrichtungen,
  • kleinere Gruppen und verbindliche Personalstandards,
  • ausreichend Verfügungs- und Leitungszeit,
  • eine gemeinsame Verantwortung von Bildung, Jugendhilfe und Gesundheitssystem.

Das setzt voraus, dass Ressortgrenzen überwunden werden. Derzeit finanziert jedes System seinen Ausschnitt und achtet sorgsam darauf, nicht für die Aufgaben des anderen zuständig zu werden. Das Kind selbst hält sich allerdings selten an diese Zuständigkeitsordnung.

Früher handeln statt später reparieren

Die Beschäftigten in den Kitas erleben heute, was später in Bildungsstudien sichtbar wird: Kinder starten mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Einige benötigen deutlich mehr Begleitung, als Einrichtungen unter den bestehenden Bedingungen leisten können. Gleichzeitig wächst die Erwartung, Kitas und Schulen müssten diese Unterschiede möglichst vollständig ausgleichen.
Das ist weder realistisch noch gerecht.

Kitas und Schulen tragen eine große Verantwortung für Bildungsgerechtigkeit. Sie können aber familiäre Belastungen, fehlende Gesundheitsversorgung, lange Wartezeiten und gesellschaftliche Veränderungen nicht im Alleingang kompensieren. Wer ihnen immer neue Reparaturaufträge überträgt, ohne die Unterstützungssysteme auszubauen, überfordert am Ende genau diejenigen, die das Bildungssystem noch zusammenhalten.

Der PISA-Schock beginnt nicht erst mit 15 Jahren. Aber seine Antwort darf auch nicht lauten, noch früher zu testen und noch mehr Aufgaben in die Kitas zu verlagern.
Wir müssen früher unterstützen – die Kinder, ihre Familien und die Menschen, die sie jeden Tag begleiten.

Weitere Infos

Alle Ergebnisse finden Sie hier: VBE_Kita-Umfrage_Sep 2026_Schaubilder

Quellen

VBE Baden-Württemberg, Umfrage unter Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen, September 2026; OECD, PISA 2025 Ergebnisse – Länderbericht Deutschland, veröffentlicht 2026.

Susanne_Sargk_2024

Landesreferatsleitung Kita Baden-Württemberg

Susanne Sargk

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