Die Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen arbeiten weiterhin mit großer Überzeugung in ihrem Beruf – gleichzeitig erleben sie eine hohe Belastung und fühlen sich beim Umgang mit der wachsenden Zahl von Kindern mit herausforderndem Verhalten und erhöhtem Unterstützungsbedarf zunehmend alleingelassen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des VBE Baden-Württemberg, an der sich mehr als 1.100 Beschäftigte aus Kindertageseinrichtungen beteiligt haben.
Als besonders belastend nennt mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) Mehrarbeit und Vertretung. Fast ebenso häufig werden die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder genannt: Für 49 Prozent der Befragten gehören sie zu den größten aktuellen Herausforderungen.
„Wenn Kinder intensive Unterstützung brauchen und gleichzeitig Personalausfälle aufgefangen werden müssen, wird es für die Kita-Beschäftigen besonders schwierig“, betont Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg. „Wer von den Fachkräften individuelle Förderung erwartet, muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen.“
Besonders deutlich wird der Unterstützungsbedarf in den knapp 400 persönlichen Schilderungen der Befragten. Immer wieder berichten die Beschäftigten von Kindern mit herausforderndem Verhalten, Entwicklungsverzögerungen, fehlender Impulskontrolle oder einem hohen individuellen Förderbedarf. Genannt werden aggressive Verhaltensweisen, Überforderung in der Gruppe sowie Kinder, die eigentlich eine intensive Einzelbegleitung benötigen. Gleichzeitig fehlen Integrationskräfte, heilpädagogische Unterstützung, schnelle Beratung und ausreichend Zeit.
„Die Fachkräfte wollen diesen Kindern gerecht werden. Aber sie können nicht gleichzeitig ein Kind intensiv begleiten, die übrige Gruppe im Blick behalten, Personalausfälle auffangen und nebenher noch die Dokumentation erledigen“, erklärt Walter Beyer, stellvertretender Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg. „Wir brauchen schnell erreichbare Fachdienste, mobile multiprofessionelle Teams und verlässliche Unterstützung direkt in den Einrichtungen. Eine weitere Fortbildung allein löst die konkrete Situation am Montagmorgen nicht.“
Auch bei der Inklusion zeigt sich eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Hälfte aller Befragten (50 Prozent) sind mit der Umsetzung unzufrieden oder eher unzufrieden. Weitere 14 Prozent geben an, dass es in ihrer Einrichtung keine inklusiven Settings gibt.
„Inklusion gelingt nicht durch guten Willen und schöne Konzepte“, stellt Brand fest. „Sie braucht zusätzliche Fachkräfte, kleinere Gruppen, geeignete Räume und ausreichend Zeit für Zusammenarbeit und individuelle Förderung. Fehlen diese Voraussetzungen, werden weder die Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf noch die übrigen Kinder und die Beschäftigten angemessen berücksichtigt.“
Rund vier von zehn Befragten (43 Prozent) geben auch die Dokumentations- und Portfolioarbeit als Belastungsfaktor an. Der VBE stellt die fachliche Bedeutung von Beobachtung und Dokumentation nicht infrage. Kritisch wird es jedoch, wenn Dokumentationspflichten wachsen, während die dafür notwendige Verfügungszeit fehlt.
„Dokumentation soll die pädagogische Arbeit unterstützen und darf sie nicht verdrängen“, so Beyer. „Wenn Fachkräfte Dokumentationen in ihrer Freizeit erstellen oder dafür Zeit bei den Kindern fehlt, ist etwas grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten.“
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen üben fast neun von 10 Befragten (86 Prozent) ihren Beruf sehr gern oder eher gern aus. Gleichzeitig würde knapp ein Drittel (31 Prozent) den Beruf wahrscheinlich nicht oder auf keinen Fall weiterempfehlen.
Für den VBE ist diese Diskrepanz ein deutliches Warnsignal. „Die Beschäftigten zweifeln nicht an der Bedeutung ihrer Arbeit. Sie zweifeln daran, ob man diesen Beruf unter den gegenwärtigen Bedingungen noch guten Gewissens empfehlen kann“, erklärt Brand. „Wenn wir diese hoch motivierten Fachkräfte halten und neue gewinnen wollen, müssen wir ihre Arbeitsbedingungen spürbar verbessern.“
„Kitas können gesellschaftliche Veränderungen und zunehmende Belastungen von Kindern und Familien nicht allein auffangen“, fasst Brand zusammen. „Wer von ihnen Inklusion, individuelle Förderung, Sprachbildung, Kinderschutz und intensive Elternarbeit erwartet, muss ihnen auch die dafür notwendigen Ressourcen und Unterstützungssysteme zur Verfügung stellen.“
An der vom VBE Baden-Württemberg im September 2026 durchgeführten landesweiten Umfrage haben 1.151 Beschäftigte aus Kindertageseinrichtungen teilgenommen. Die Umfrage liefert ein breites Stimmungsbild aus der Praxis; sie erhebt keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität.
Die detaillierten Ergebnis-Diagramme finden Sie hier: VBE_Kita-Umfrage_Sep 2026_Schaubilder